Seide

Aus einem einzigen Faden ist der Kokon der Seidenspinnerraupe gespinnt. Bild von alexfiodorov, fotalia.com.

Die Seide ist die feinste Naturfaser, die der Mensch je hervorgebracht hat. Der feinste aller Stoffe hat die Menschen von jeher fasziniert, er ist aufgrund seiner aufwändigen Produktion teuer und selten. Heute macht die Seide etwa 1% der weltweiten Faserproduktion aus. Seidenstoff führt deshalb ein Schattendasein in der Mitte der Gesellschaft, nur wenige Betuchte können sich diesen Luxus leisten. Seide ist in der Haute Couture zuhause, zeigt sich auf Modenschauen und in Schaufenstern der angesagten Modehäusern. Der Comer See ist auch Teil der Geschichte und Ausbreitung der Seide in Europa. Die Stadt Como war bereits im 17. Jahrhundert eine Metropole der europäischen Seidenindustrie, China belieferte den Rest der Welt. Der Markt für Seide (ital. seta) entwickelte sich rasant, die Rohstoffe waren sehr begehrt. Für viele Bauern um Como herum begann eine ganz neue Ära. Sie setzten zunehmend auf die Anpflanzung von Maulbeerbäumen, die als Nahrungsgrundlage für die eigentlichen Fadenproduzenten, die Seidenspinner, diente. Die arbeitsintensive Zucht dieses Schmetterlings musste erlernt und finanziert werden, ein Prozess, der viele Jahrzehnte andauerte. Viel Geld, Arbeit und viele Rückschläge konnten allerdings nicht verhindern, dass die Comer See-Region zu einem der wichtigsten Produktionsgebiete für Seide wurde. Das Hauptanbaugebiet im 17. und 18. Jahrhundert lag allerdings südlich von Como in der Brianza, die bis vor die Tore Mailands reicht. Immer mehr Bauern, auch direkt am Comer See, hörten von dieser neuen Einnahmequelle und entschieden sich gegen Oliven, Zitronen und andere landwirtschaftliche Produkte. In Zukunft ernteten sie statt Oliven, Esskastanien und Zitronen eben Schmetterlingskokons. Die Menschen am Comer See entwickelten seitdem ihre Handelswege weiter, zusätzliche Häfen wurden errichtet, Straßen ausgebaut.


Im 19. Jahrhundert stand Como an der Spitze in Europa
Krankheiten, Schädlingsbefall und aufgrund erleichterter Einfuhr von importierter Seide verlor die Produktion von Seide aus der Lombardei an Bedeutung, sie war einfach nicht mehr rentabel. Como schaffte es allerdings, die aufgebaute Kompetenz in Sachen Seidenverarbeitung weiter auszubauen. Das Know-how der hiesigen Seidenverarbeitungsindustrie ist heute zu fast 75% in Hand der Lombarden, eine unglaubliche Zahl. Bei der Produktion hat Brasilien wohl die Nase vorne, Klima, Bodenbeschaffenheit und andere Faktoren bilden hier ein optimales Zusammenspiel für die Anforderungen des Seidenspinners. Weitere wichtige Produktionsländer sind China, Indien und Vietnam. Noch heute sind rund um den Comer See viele Maulbeerbäume zu entdecken, sie zeugen für eine kurze, aber einträgliche Zeit der Seidenproduktion am See.


Bis zu 10 Kokons werden auf einmal ‚abgehaspelt‘. Bild von Jinglingwater, fotalia.com.

Die Herstellung der Seide ist ein Prozess, in dem der bis zu 1 km (!) lange Faden eines Seidenraupenkokons zunächst wieder abgewickelt wird. Dazu wir das Tier einige Tage vor dem Schlüpfen durch Wasserdampf getötet. Würde man den Schmetterling schlüpfen lassen, ist mit Beschädigungen an der Austrittstelle naturgemäß zu rechnen. Für einige ein Grund auf Kleidungsstücke aus Seide zu verzichten.

Die Raupe des Seidenspinners ernährt sich ausschließlich von den Blättern des Maulbeerbaums, die Früchte sind für sie völlig uninteressant. Gut vier Wochen nach dem Schlüpfen hat die Raupe ihre richtige Größe erreicht, sie beginnt sich einen Kokon zu spinnen. Die Raupe arbeitet mit vier Drüsen ihres Kauwerkzeugs, zwei am Ober- zwei am Unterkiefer. Bei diesem Vorgang verbinden sich die proteinhaltigen Seitenfäden (Fibroin) mit dem sog. Seidenbast (Serizin), dem Klebstoff, der die Seidenfäden verstärkt und zusammenhält. Nach acht bis zehn Tagen werden die Kokons in Wasserdampf gegeben, wodurch die Raupen im Innern des Kokons absterben. Nun wird der Faden vorsichtig abgespult, in der Fachsprache abhaspeln genannt. Anschließend werden die Seidenfäden in ein Bad aus Lauge gelegt, wo sich der Seidenfaden wieder von dem Klebstoff löst. Der Faden wird im Anschluss gereinigt, gebleicht, um dann zu den verschiedenen Stoffarten weiterverarbeitet zu werden: z.B. Chiffon, Satin und Taft. Beschädigte und nicht abspulbare Fäden werden als minderwertigere Bourette-Seide in speziellen Verfahren hergestellt und günstiger angeboten. Die Seide ist unregelmäßiger und matter als die hochwertige Seide. Die Eigenschaften der Seide sind in ihrer Fülle allen anderen Fasern überlegen. Sie fühlt sich bei Feuchtigkeit noch lange trocken an, ist sehr elastisch und extrem leicht. Neben der Zuchtseide wird auch die Wildseide angeboten. Diese wird aus den Kokons der Tussahspinner (Wildseidenspinner) gewonnen, neben dem Qualitätsunterschied zeigt sich auch eine dunklere gelbliche Färbung.


Seidenproduktion in Como
Ursprünglich ließ Kaiser Justinian im Jahre 565 die ersten Eier des Seidenspinners nach Konstantinopel bringen. Zwei Mönche, so steht es geschrieben, die die Seidenspinnerzucht in Asien erlernt hatten, brachten später das nötige technische Wissen für die Zucht und für die Verarbeitung hinzu. Die Seidenproduktion verlief von Konstantinopel aus über Griechenland nach Sizilien, im 16. Jahrhundert konnte sich v.a. Italien, allen voran Palermo, als Seidenproduzent einen Namen machen. Die Städte Venedig und Lucca folgten dem Branchenprimus nach, weitere Städte folgten. Auch in Como etablierte sich eine stattliche Industrie, die immer mehr Produzenten v.a. im Süden von Como anzog. Überhaupt entwickelte sich eine Art Seidenboom in ganz Europa. Landstriche, die vom Klima her geeignet schienen, sattelten auf den neuen Industriezweig um. Como hatte, auch in Hinblick auf die heutige Zeit, glücklicherweise viele verarbeitende Betriebe und war nicht nur von der Produktion der Seide abhängig. Viel wurde damals v.a. in Lyon zugekauft, wo auch die Seidenfärberei ihre Heimat hatte. Como verlegte sich immer mehr auf die Verarbeitung und Veredelung von Rohseide. Als Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Krankheitswelle fast alle europäischen Bestände der Schmetterlingsfamilie tötete, ging es mit der Produktion langsam bergab. Die erhöhten Ausgaben für Hygienemaßnahmen führten viele Unternehmen in die Insolvenz, der Import der Seide aus Asien nahm wieder Fahrt auf. Como und seine verarbeitende Industrie trotzte dieser Entwicklung und machte sich innerhalb von 150 Jahren zum Weltmarktzentrum der Seidenverarbeitung und -veredelung. Dazu gehörte zunehmend das Färben der Stoffe mit sog. Anilin- bzw. Azofarben. Das erstmals 1826 von Otto Unverdorben aus der Indigopflanze gewonnene Anilin ist eine farblose ölige Flüssigkeit, die zu den Aromaten (einer Kohlenstoff-Wasserstoff-Verbindung) gehört. Das Anilin hat die Eigenschaft sich mit anderen Anilinformen zu verbinden und so weitere Farben zu bilden. Das synthetische Anilin führte letztlich zu einer revolutionären Methode, das natürliche Indigo (blau) künstlich und kostengünstig herzustellen. Für Como war von Vorteil, dass in der nahen Schweiz mit der Firma CIBA und der deutschen BASF zwei starke Chemiefabriken Anilin in großen Mengen produzierten. So konnte man diesen Farbrohstoff günstig und schnell beziehen und folglich in diesem Bereich weiter einen entscheidenden Vorteil beziehen. Das künstliche Indigo fand um 1900 vor allem in der Produktion von Militärunformen Verwendung, später nutzte Levi Strauss es für das Färben der Blue Jeans. Spätestens nach dem 2. Weltkrieg war es mit der Produktion von Seide in Como und auch dem Rest Europas vorbei. Como schaffte es in den folgenden Jahrzehnten ein Weltmarktzentrum der Seidenverarbeitung aufzubauen, die spektakulären Entwicklungen sind allerdings vorbei. Es gibt einmal im Jahr die wichtige ‚Idea Como‘, die führende Messe für Seide. In der ehemaligen Seidenschule ist das Museum für Seidenkultur untergebracht, das Interessierte sehr eindrucksvoll über das Thema informiert. Inhaltlich zeigt das Museum die Geschichte der Seide in aller Welt, einige sehr eindrucksvolle Seidenwebmaschinen und vieles über die Verarbeitung und Veredelung dieses einst so bedeutenden Stoffes.